Unravel – Einfach sprachlos – REVIEW

„Unravel“ war auf der letzten E3 definitiv eine Überraschung. Nicht wegen des Gameplays oder des Szenarios, sondern vielmehr wegen des Publishers. Denn das Projekt der schwedischen Entwickler Coldwood Interactive steht unter dem Banner von Electronic Arts, für die ein derartiges Spiel eigentlich untypisch ist.

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Der Spieler steuert ein kleines rotes Männchen aus Wolle, das lediglich einige Zentimeter groß ist und auf den Namen Yarny hört, durch eine atemberaubend schöne Welt und muss dabei immer wieder verzwickte Rätsel lösen, um voran zu kommen. Und um eins vorab gleich zu sagen, wer keine Geduldspiele mag, für den ist „Unravel“ auch definitiv nichts. Denn obwohl das Spiel derzeit eine überschaubare Anzahl an verschiedenen Leveln besitzt, sind diese äußerst fordernd. Während man im ersten noch keine Probleme hat, immerhin dient es zur Einführung, treten bereits im folgenden Level die ersten Herausforderungen auf, sofern man stets 100% erreichen möchte. So muss man mit dem Winzling immer wieder irgendwelche Gegenstände durch die Gegend ziehen, um beispielsweise einen Übergang für eine Wasserpfütze zu schaffen. Schwimmen können wir nämlich nicht. Aber nicht nur Gegenstände rücken in den Fokus. Oft müssen wir uns mittels Garn durch die Spielwelt schwingen oder Konstrukte basteln, die im Grunde als Flaschenzug für irgendetwas dienen. Für die gewisse Abwechslung ist definitiv gesorgt.

Apropos Garn. Dieser ist nicht einfach irgendein nützliches Werkzeug, das man immer dabei hat. Stattdessen stammt der rote Faden direkt von Yarny und steht zwischen den einzelnen Checkpoints, die übrigens gerecht platziert sind, nur begrenzt zur Verfügung. Heißt quasi: Seid ihr auf dem Weg nicht sparsam, kann es vorkommen, dass kurz vor dem nächsten Speicherpunkt wichtige Zentimeter fehlen, weil einfach das Garn aufgebraucht ist. Ein Glück zieht sich dieser wortwörtlich wie ein roter Faden durch das Spiel und lässt euch so problemlos zurücklaufen, um entsprechende Veränderungen vorzunehmen. Recht schnell entwickelt man aber ein Gespür dafür, was zu viel vom wertvollen Zwirn kostet und achtet gezielt darauf, nichts zu verschwenden. Unravel_20160211183915

Wo „Unravel“ zweifelsfrei überzeugen kann, ist definitiv die Spielwelt. Man muss sich einfach vorstellen, man ist in der realen Welt unterwegs. Im Wald oder an der Küste. Nur, dass man halt wenige Zentimeter groß ist. Dementsprechend rücken Dinge, auf die man im normalen Leben gar nicht achtet, plötzlich in den Vordergrund. Den schwedischen Entwicklern gelang es, den Spieler quasi in eine andere Welt zu schicken. Auch wenn eine derartige Umgebung keineswegs neu in der Videospielgeschichte und somit auch nicht bahnbrechend ist, kann man trotzdem mit der Liebe zum Detail überzeugen. Blätter fliegen durch die Luft, im Wasser spiegelt sich Licht und gelegentlich glitzert es etwas. Gut, das Glitzern ist stellenweise etwas zu viel, aber es lässt sich verkraften und zerstört die Atmosphäre nicht. Obendrein fügt sich die Spielfigur äußerst gut in sein Umfeld ein. So schüttelt er sich, wenn er nass geworden ist, oder hat sichtlich Probleme beim Laufen, wenn der Wind zu stark weht. Hier haben die Entwickler eine überzeugend realistisch wirkende Animation kreiert.

Hin und wieder trifft man außerdem auf Tiere, die einem gefährlich werden können. Krabben schnappen nach euch oder werfen euch durch die Gegend und kleine Nager wollen Yarny wahrscheinlich zum Nestbau nutzen und machen demnach Jagd auf ihn. Hierdurch entstehen immer wieder neue Situationen in dem sonst so friedlichen Gameplay. Nun sind derartige Begegnungen zwar nicht häufig, dennoch vollkommen ausreichend. Es wäre durchaus möglich, dass weitere Tiere für eine größere Abwechslung gesorgt hätten, jedoch würden Hau-Drauf-Mechaniken oder gar regelmäßige Bosskämpfe nicht ins eigentliche Gameplay passen.

Unravel_20160211183556Einen großen Interpretationsspielraum lassen die Entwickler bei der Geschichte rund um das kleine rote Männchen. Denn es wird weder geklärt, warum er überhaupt lebt noch warum er sich überhaupt auf die Reise durch die Welt wagt. Eine Variante, die sicherlich auch sehr plausibel ist, wäre, dass er der alten Dame, die ihn offensichtlich gestrickt hat, einen Gefallen tun möchte. Immerhin sammelt Yarny am Ende eines jeden Levels einen kleinen Anstecker aus Wolle, den er danach auf ein Fotobuch klebt, in dem wiederum alte Fotos in einem neuen Glanz erstrahlen. Er ermöglicht der alten Dame somit, sich an ihr scheinbar schönes Leben zu erinnern. Ein ausschlaggebender Faktor für diese Interpretationsfreiheit ist auch die fehlende Sprache. Denn bis auf eine harmonische Musik im Hintergrund und entsprechende Soundeinlagen zu irgendwelche Handlungen ist nichts weiter zu hören. Es wird kein einziges Wort gesprochen. Eine äußerst interessante aber gleichzeitig auch schwierige Variante der Umsetzung, die in „Unravel“ eindeutig gelungen ist und wodurch sich der Titel von anderen abheben kann.

Trophäenjäger? Trophy Guide Unravel

Bedauerlicherweise gibt es auch einige Kritikpunkte. In manchen Abschnitten ist es stellenweise äußerst schwierig, voran zu kommen. Das liegt jedoch nicht daran, dass man das Rätsel nicht lösen kann, sondern weil einfach nicht offensichtlich wird, wie man es bewerkstelligen soll. So ist uns bewusst, dass wir beispielsweise einen Gegenstand benötigen, um eine bestimmte Aktion auszuführen, dieser jedoch so in die Spielwelt integriert ist, dass er einfach nicht auffällt. Nun kann das zwar den Spaß am Knobeln erhöhen, doch oft greift man in diesen Fällen voller Verzweiflung zu Walkthrough-Videos und fragt sich danach, ob man selbst einfach nur dumm oder ob das im Spiel total dumm gemacht war. In solchen Situationen ist „Unravel“ der Gefahr ausgesetzt, den eigentlichen Reiz am Ganzen zu verlieren, wenn auch nur kurzfristig. Hinzu gesellt sich eine manchmal, wenn auch nur selten, schwammige Steuerung, die einige Passagen im Spiel unnötig erschweren.

Ebenfalls etwas schade, ist der Umstand, dass der Titel keine Langzeitbeschäftigung bieten kann. Jeder Level dauert abhängig von den Fähigkeiten des Spielers bis zu 20 min. Hochgerechnet ergibt das nur wenige Stunden Spielzeit. Aufgrund versteckter Sammelobjekte, wird man zwar dazu animiert, einzelne Level erneut zu spielen, doch alles in allem kann das die Spielzeit nicht deutlich erhöhen. Hier wäre es schön, wenn irgendwann noch Inhalt nachgereicht werden würde. Denn das Potenzial für die Langzeitbeschäftigung ist auf jeden Fall vorhanden.

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Fazit:

Man muss kein Fan von Wolle, Häkeln, Stricken oder was auch immer sein, um „Unravel“ zu lieben. Lediglich eine Begeisterung für Rätsel sollte man mitbringen. Sofern dieser Umstand gegeben ist, kann der Titel eindeutig schöne Momente liefern. Gleichzeitig beweisen die schwedischen Entwickler von Coldwood Interactive, dass ein gutes Spiel keineswegs eine große Portion an Action benötigt, um wirklich zu überzeugen. Minimalismus ist das Zauberwort. Denn der Verzicht auf Sprache und eine komplexe Mechanik, sorgten keinesfalls dafür, dass man irgendetwas vermisst. Und obwohl „Unravel“ aktuell keine wirkliche Beschäftigung über einen langen Zeitraum bietet, stellt es dennoch ein herrliches Spiel für Zwischendurch dar.

 

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